Bendowa (2)
Die Darstellung des buddhistischen Weges
von Dogen Zenji

Fragen und Antworten

F: Ein Narr könnte fragen: "Es gibt viele verschiedene Richtungen und Schulen im Buddhismus. Warum empfiehlst du die Übung des Zazen'!"

A: Weil es das wahre Tor ist, um den Buddha-Weg zu betreten.

F: Aber warum?

A: Ohne Zweifel lehrte Shakyamuni, dass das Zazen der beste Weg sei, um die Erleuchtung zu verwirklichen. Er selbst fand den Weg durch das Zazen und übertrug ihn auf seine Schüler. Alle Tathagatas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft realisierten den Weg durch das Zazen. Es wurde von Patriarch zu Patriarch als das wahre Tor weitergegeben. Darum halte ich das Zazen für den besten Weg, um in den Buddhismus einzudringen.

F: Gewöhnliche Menschen haben Mühe, die unübertroffene Lehre der Tathagatas zu verstehen. Wäre es für sie nicht besser, das Nembutsu zu üben oder die Sutras zu rezitieren, um die Erleuchtung zu erlangen? Ist nicht das Sitzen mit gekreuzten Beinen für sie ein Nichts-Tun, eine Zeitverschwendung?

A: Deine Frage verleumdet das Mahayana. Eine solche Täuschung kann man mit jemandem vergleichen, der im Ozean ist und sagt, es wäre kein Wasser da. Glücklicherweise haben alle Buddhas das Zazen als die Erfüllung des Weges bestätigt, und sie selbst sitzen im Jijuyu Samadhi. Nützt nicht ihr Verdienst sowohl ihnen als auch anderen? Es ist bedauerlich, da du nicht erkennst, da dein Buddha-Auge geschlossen ist, und du dich an den Dingen der Welt berauscht.

Es stimmt, der Zustand der Tathagatas ist gänzlich unfassbar; nur jemand mit großem Talent und Vertrauen kann sich ihm nähern. Für die Unwürdigen und Misstrauischen ist es sehr schwierig, um nicht zu sagen unmöglich, sich ihm zu nähern. Auch auf dem Geierberg, als Shakyamuni (die Lotos Sutra vortrug), erlaubte er einigen, ihn zu verlassen. Wenn du nach dem wahren Weg strebst, übe und studiere das Zazen; wenn du nicht den Weg suchst, solltest du dich zurückziehen und darüber nachdenken, warum du die Wohltaten des Dharma, das seit Generationen weitergegeben wurde, nicht erhalten hast.

Glaubst du wirklich, dass irgendein Nutzen zu gewinnen wäre durch das Rezitieren der Sutras oder des Nembutsu? Es ist falsch anzunehmen, dass das Bewegen der Zunge oder das Erheben der Stimme den gleichen Wert hat wie die Übung des Zazen. Du bist vom Wahren Buddha-Dharma weit entfernt, wenn du solche Übungen mit dem Zazen vergleichst.

Ebenfalls sollten dir die Sutras und Kommentare die Lehre von Buddha über die plötzliche und die stufenweise Erleuchtung klarmachen und dich zur Erleuchtung führen. Du musst erkennen, dass nutzlose Spekulationen oder Vorhaben niemals deine Verdienste mehren. Wenn du denkst, dass du den Buddha-Weg durch tausendfaches, sinnloses Rezitieren des Buddha-Namens erreichst, gleichst du jemandem, der seinen Wagen nach Norden wendet, wenn er in den Süden will oder versucht, einen viereckigen Pflock in ein rundes Loch zu stecken. Wenn du die Worte nur rezitierst, ohne sie durch deine Übung zu vollenden, bis du wie jemand, der ein medizinisches Rezept hat, sich die Medizin dafür aber nicht herstellt.

Das endlose Wiederholen des Buddha-Namens gleicht dem Quaken der Frösche auf dem Reisfeld — Tag und Nacht quaken sie — es bedeutet überhaupt nichts. Menschen, die von Ruhm und Glück berauscht sind, können dies nicht lassen. Es gab sie in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Sie sind zu bedauern. Du musst erkennen, dass das wunderbare Dharma der sieben alten Buddhas nur erhalten und bewahrt werden kann, wenn es von einem erleuchteten Meister auf einen aufrichtigen und recht denkenden Schüler übertragen wird. Diejenigen, die nur die Sutras oder die Literatur studieren, können es niemals erfassen. Deshalb ist es notwendig, alle Zweifel und Misstrauen aufzugeben, einem wahren Meister zu folgen und das Jijuyu Samadhi zu erreichen.

F: Die Lehren der Hokke- und Kegon-Schule sagten, dass sie die ganze Lehre des Mahayana präsentieren, die nach Japan gebracht wurde. Außerdem gibt es die Shingon-Schule in Japan, deren Lehre der Mahavairocana-Buddha (Daiichi Nyorai) persönlich an Vajrasatta (Kongo Sutta) weitergab. Diese Schule betont die Lehre "Unser Geist ist Buddha", und "Dieser, unser Geist kann die Buddhaschaft erreichen". Sie lehren, dass die Erleuchtung in einem Sitzen erreicht werden kann, ohne durch viele Zeitalter der Übung zu gehen. Manche betrachten diese Lehre als die höchste Form des Buddhismus. Wie kannst du deshalb bei deiner Aussage bleiben und behaupten, dass das Zazen allen diesen Übungen überlegen ist?

A: Es geht hier nicht darum, welche Lehre überlegen oder unterlegen ist, oder welche tiefgründiger ist, sondern welche die authentischere ist. Einige Menschen werden durch die natürliche Schönheit der Gräser und Blumen, Berge und Flüsse zum Buddhismus hingezogen; andere finden die Schätze des Buddhismus, indem sie Erde, Felsen, Sand oder Kieselsteine in ihren Händen halten.

Obgleich alles einen Namen oder ein Wesen hat, drücken diese Namen nicht die wahre Natur des Alls aus. Das grosse Rad des Gesetzes dreht sich sogar in einem Staubteilchen. Deshalb gleicht "Unser Geist ist Buddha" dem Mond im Wasser und "Dieser, unser Geist kann die Buddhaschaft erreichen" ist das Widerspiegeln in einem Spiegel. Spiele nicht mit Worten. Um die unmittelbare Erleuchtung zu verwirklichen, müssen wir dem vorzüglichen Weg folgen, den die Buddhas gingen, um die Erleuchtung vom Lehrer auf den Schüler zu übertragen und sie so zu wahren Schülern machen.

Um die Lehre der Buddhas zu erhalten oder weiterzugeben, ist es deshalb notwendig, einen Lehrer zu haben, der das Siegel der Erleuchtung erhalten hat. Ein Gelehrter, der den buchstäblichen Sinn schätzt, ist als Meister nutzlos; er ist wie ein Blinder, der einen Blinden führt. Alle Schüler, die der wahren Übertragung eines erleuchteten Meisters folgen, übermitteln das Buddha-Dharma von Generation zu Generation. Um ihr wahres Selbst zu finden, kommen sogar wiedergeborene Geister und Ahrats zu einem wirklichen Meister. In anderen Lehren findet man so etwas nicht.

Konzentriere dich auf das Studium des Buddhismus, und du wirst erkennen, dass alle die unübertroffene Erleuchtung Buddhas besitzen. Obgleich wir immer die Erleuchtung besitzen, verstehen dies nur wenige richtig. Falsche Ansichten kommen auf, und der grosse Weg geht verloren. Wir schaffen Blumen am Himmel, und es erscheinen die verschiedenen Gedanken und Ansichten: die zwölfgliedrige Kette der Kausalität, die 25 Formen der Existenz, die drei Fahrzeuge, die Existenz oder Nicht-Existenz von Buddha usw. Dies führt ganz gewiss nicht zu der richtigen buddhistischen Übung.

Gib alle Vorstellungen auf, konzentriere dich aufrichtigen Geistes auf das Zazen, und überschreite die Vorstellungen von Erleuchtung oder Täuschung, Gefühl und Verstand. Dann wirst du frei und kannst die grosse Erleuchtung nutzen. Diejenigen, die Wert auf Worte und Buchstaben legen, haben nichts, was sich damit vergleichen ließe

F: Es wird gesagt, dass sowohl das Samadhi (eine der drei Arten des Studiums), als auch das Dhyana (eine der sechs Paramitas) von allen Bodhisattvas zu Beginn ihres religiösen Lebens geübt wurden, ganz gleich, ob sie es verstanden oder nicht. Das Zazen ist möglicherweise in diesen Übungen eingeschlossen. Worauf basiert dann deine Behauptung, dass das Wahre Dharma des Tathagata im Zazen wurzelt?

A: Diese Frage stellt sich, weil die Bezeichnung "Zen-Sekte" für das höchste, unfassbare und Grosse Dharma des Tathagata, der Schatzkammer der Erkenntnis des Wahren Dharma benutzt wurde.
Wir sollten jedoch wissen, dass die Bezeichnung "Zen-Sekte" erstmals in China aufkam und in Indien nicht bekannt war. Es gab einige Mönche und Laien im Shorinji-Kloster in Suzan, die das Wahre Dharma von Buddha nicht kannten und im Großen Lehrer Bodhidharma, der dort neun Jahre lang Zazen übte, nichts weiter als einen indischen Mönch sahen, der besonderen Wert auf die Übung des Zazen legte. Seine Nachfolger weihten sich ebenfalls ausschließlich dem Zazen und ihre Weitergabe wurde unter den Laien als die der "Zazen-Sekte" bekannt. Heutzutage ist das "Za" entfallen, und sie wird einfach "Zen-Sekte" genannt. Die wahre Natur des Zazen ist sogar in den Aussprüchen der Patriarchen zu finden, und es ist klar ersichtlich, dass es sich von dem oben erwähnten Samadhi oder Dhyana unterscheidet. Du kannst sicher sein, dass das Wahre Dharma seit der Zeit Mahakasyapa direkt weitergegeben wurde. Vor langer Zeit, während einer Versammlung auf dem Geierberg, erhielt Mahakasyapa die Schatzkammer der Erkenntnis des Wahren Dharma und den Ruhigen Geist des Nirvana. Dies wurde von zahllosen himmlischen Wesen bezeugt, von denen einige gerade jetzt hier sind. Zweifellos wachen sie ununterbrochen, ohne jemals aufzuhören, über das Wahre Dharma. Deshalb können wir so bestimmt sagen, dass das Zazen der unvergleichliche Weg zum Wahren Dharma ist.

F: Warum benutzt man aber gerade das Sitzen in der Form des Zazen? Es gibt doch noch andere Haltungen wie Stehen, Gehen, Liegen, um den Weg der Erleuchtung zu betreten.

A: Es ist unmöglich, die unzählbaren Wege aufzuführen, die die Buddhas geübt haben, um die Erleuchtung zu erreichen, alle haben jedoch Zazen geübt — es ist der Weg, den alle Buddhas benutzten, und es ist nicht notwendig, einen anderen Weg zu suchen. Das Zazen wurde von allen Patriarchen als das höchste Tor des Friedens und der Freude gepriesen. Es ist der leichteste Weg unter den vier Stellungen, und er wurde nicht nur von ein oder zwei Buddhas benutzt, sondern von allen Buddhas und Patriarchen.

F: Das Zazen mag für diejenigen, die die Erleuchtung noch nicht verwirklicht haben, ein wirksamer Weg der Übung sein. Aber was ist mit denen, die bereits erleuchtet sind?

A: Es heißt, dass wir unsere Perlen nicht vor die Säue werfen sollen.
Ich will trotzdem versuchen, deine Frage zu beantworten. Es ist die Ansicht der Ungläubigen, dass Übung und Erleuchtung nicht eins sind. Doch die Übung selbst ist die Erleuchtung, und sogar der erste Entschluss, den Weg zu suchen, enthält bereits schon die vollständige und perfekte Erleuchtung. Es gibt keine Erleuchtung außerhalb der Übung. Dies zu erkennen, ist sehr wichtig. Da die Übung die Erleuchtung ist, hat die Erleuchtung kein Ende und die Übung keinen Anfang. Shakyamuni und Mahakasyapa, Bodhidharma und der sechste Patriarch Daikan Eno und alle Buddhas und Patriarchen wussten, dass die Übung Erleuchtung ist.

Von Anfang an sind Übung und Erleuchtung untrennbar. Sogar unsere ersten Schritte in der Übung des Weges geben die wunderbare Übung der Verwirklichung weiter und enthalten die ursprüngliche, angeborene Erleuchtung. Die Buddhas und Patriarchen haben immer gelehrt, dass die Übung Erleuchtung ist und dass wir unsere Übung nicht aufgeben dürfen. Wenn wir das Bewusstsein der ursprünglichen Erleuchtung abschneiden, dann wird die wunderbare Übung unseren Körper und Geist füllen und zur wahren Übung werden.

Auf meinen Reisen in China, während der großen Sung-Dynastie, sah ich viele Zen-Klöster, solche mit fünfhundert bis sechshundert und solche mit einigen tausend Mönchen; dort wurde das Zazen Tag und Nacht geübt. Als ich die Äbte dieser Klöster, die alle das Buddha-Siegel weitergaben, fragte, was die Essenz des Buddhismus sei, antworteten sie mir, dass die Übung und Erleuchtung nicht zwei verschiedene Dinge seien. Deshalb dränge ich alle Suchenden des Wahren Dharma, nicht nur Schüler oder wahre Gelehrte, sondern alle Menschen — Anfänger und Fortgeschrittene — ob sie erleuchtet sind oder nicht, an den Lehren der Buddhas und Patriarchen festzuhalten und den Weg des Zazen zu üben.

Hast du diese Aussprüche noch nie gehört: "Es gibt die Übung und die Erleuchtung, verzerre sie jedoch nicht, indem du dich daran anklammerst", und "Den Weg sehen heißt ihn zu üben". Wir erkennen nun, dass es das Wichtigste ist, innerhalb der Erleuchtung zu üben.

F: Was hälst du von den großen Lehrern der Vergangenheit (wie z. B. Dengyo Daishi und Kabo Daishi), die nach China gingen und das Dharma weitergaben, die jedoch nur die Lehre lehrten und nicht das Zazen?

A: Die Zeit war noch nicht reif für die Verbreitung des Zazen.

F: Erfassten diese Lehrer tatsächlich den Wert des Zazen?

A: Wenn es so wäre, hätten sie es verbreitet.

F: Einige sagten: "Niemand soll sich über den beständigen Wechsel von Leben und Tod grämen. Es gibt einen einfachen Weg, um sich vom Kreislauf von Leben und Tod zu befreien: durch das Wissen vom unveränderlichen, unwandelbaren Geist. Dies bedeutet, dass das wahre Wesen des Geistes niemals zugrunde geht, obgleich der Körper stirbt. Wenn du erkennst, dass das Wesen des Geistes nicht dem Zyklus von Leben und Tod unterliegt und nur zeitweise im Körper existiert, dann bemerkst du, dass es an verschiedenen Orten weiter lebt, ohne zu enden. Es verändert sich nie in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft — es ist konstant. Dann bist du erlöst vom Kreislauf von Leben und Tod. Dieser Kreislauf hört auf, und wenn dein Körper stirbt, betrittst du den Ozean der wahren Existenz. Wenn du in diesen Ozean des Seins hinein fließt, besitzt du die gleichen Haupttugenden wie die Buddhas und Tathagatas. Doch sogar wenn du dies in deinem gegenwärtigen Leben erfasst, unterscheidest du dich trotzdem noch von einem Heiligen, aufgrund deiner angesammelten Täuschungen in deinen früheren Leben. Wenn du die unwandelbare und unveränderliche Natur des Geistes nicht verstehst, kannst du niemals von der Wiedergeburt des Karma befreit werden. Wir sollten unverzüglich die Unwandelbarkeit des Geistes ergreifen. Was nützt es, wenn du dein ganzes Leben lang ruhig sitzt, ohne Etwas zu tun?"

Stimmt diese Darstellung mit deiner Auslegung des Weges der Buddhas und Patriarchen überein?

A: Was du da gerade gesagt hast, ist ganz sicher nicht das Buddha-Dharma, sondern eher die Ansicht des Ungläubigen Senika. Diese Ansicht behauptet, dass wir in unserem Körper einen Verstand oder Geist haben, der die Dinge als gut oder schlecht, falsch oder richtig, angenehm oder schmerzlich, bitter oder süß, unterscheidet. Wenn unser Körper stirbt, trennt sich der Geist vom Körper und wird an einem anderen Ort wiedergeboren. Obgleich unser Körper stirbt, lebt der Geist an einem anderen Ort weiter. So existiert er ewig. Dies ist die Lehre des Ungläubigen Senika.

Wenn du denkst, dass eine solche Theorie die buddhistische Lehre ausmacht, bist du noch verrückter als jemand, der einen Dachziegel aufhebt und denkt, es sei eine Goldmünze. Das ist Blödsinn! Nanyo Echu in der Tang-Dynastie warnte vor solchen falschen Ansichten. Es zeugt von einer großen Dummheit, wenn jemand die Ansicht, dass der Geist ewig ist, aber der Körper vernichtet wird, mit dem Wahren Dharma der Buddhas gleichsetzt. Eine solche Sicht verursacht wirklich den Kreislauf von Leben und Tod, von dem sie doch frei kommen wollten. Dies ist äußerst jämmerlich. Erkenne es als falsche Ansicht und lege sie beiseite.

Aus Mitleid will ich nun dein Missverständnis beseitigen. Von Anfang an lehrte der Buddhismus, dass Körper und Geist eins sind und, dass die Substanz und die Form nicht zwei verschiedene Dinge sind. So wurde es in Indien und in China gelehrt. Weiterhin wird im Buddhismus sowohl die Unvergänglichkeit, als auch die Vergänglichkeit nicht als Körper und Geist oder Substanz und Form getrennt. Wo stirbt der Körper, und wo bleibt der Geist? Im Buddhismus gibt es kein Nirvana außerhalb vom Kreislauf von Leben und Tod. Wenn du irrtümlich denkst, dass der Geist ewig ist und dies als wahre buddhistische Weisheit betrachtest, die jenseits von Leben und Tod liegt, musst du erkennen, dass es gerade dieser Geist ist, den du benutzt, der an den Kreislauf von Leben und Tod gebunden ist — das ist nutzlos. Im Buddhismus sind Körper und Geist eins; denn wie kann es geschehen, dass der Geist bleibt und der Körper vergeht? Wenn Körper und Geist ursprünglich eins sind, jedoch nun getrennt, dann wäre die Buddha-Lehre falsch. Denke nicht, dass der Kreislauf von Leben und Tod vernichtet werden sollte — das wäre ein großer Fehler. Erkenne, dass der Geist das ursprüngliche Tor zu den wahren Lehren des Buddhismus ist und das ganze Wesen der Erscheinungen einschließt und sich auf keine Weise in verschiedene Aspekte, wie z. B. Körper oder Geist, Leben oder Tod, Erleuchtung oder Nirvana, teilen lässt. Alle Erscheinungen, die Myriaden Formen der Existenz, sind nur dieser eine Geist; nichts ist davon ausgeschlossen. So sehen die Buddhisten den Geist. Unterscheide nicht zwischen Körper und Geist, Leben oder Tod und Nirvana. Wir alle sind im Grunde Schüler Buddhas, deshalb höre nicht auf das Geschwätz der Ungläubigen.

F: Ist es für die Zazen-Übenden unerlässlich, die buddhistischen Vorschriften zu befolgen?

A: Das Befolgen der Vorschriften und das sittliche Leben sind die Grundhaltung der Zen-Schule und die Merkmale der Buddhas und Patriarchen.

F: Dürfen die Zazen-Übenden Mantras und die "von-Stufe-zu-Stufe" Meditation benutzen?

A: Als ich in China war, fragte ich meinen Meister danach. Er sagte, dass er niemals von einem Patriarchen in Indien oder China gehört hat, der diese Praktiken ausübte. Es ist unbedingt notwendig, sich auf eine Methode zu konzentrieren; sonst wird die wahre Weisheit niemals gefunden.

F: Kann das Zazen von Frauen und Männern (Laienschülern) ausgeübt werden oder nur von Mönchen?

A: Die Patriarchen lehren, dass im Buddha-Dharma zwischen Männern und Frauen und ihrer hohen oder niedrigen Stellung kein Unterschied gemacht werden darf.

F: Wenn jemand Mönch wird, entsagt er allen weltlichen Bindungen und kann ungehindert üben. Wie steht es aber mit Laienschülern, die ihren Lebensunterhalt schwer verdienen müssen? Wie können sie den Buddha-Weg erreichen?

A: Die Buddhas und Patriarchen haben in ihrem großen Erbarmen die Tore geöffnet, und mitleidig führen sie alle Lebewesen zur Erleuchtung. Jeder kann das Tor betreten. Es gibt viele Beispiele in der Vergangenheit, z. B. waren die Kaiser Daishu und Junshu von China durch die Staatsgeschäfte schwer belastet und übten dennoch den Buddha-Weg; auch die Premierminister Ri und Bo, beide kaiserliche Berater, übten den Weg durch Zazen und erreichten den grossen Buddha-Weg. Das Wichtigste ist die Entschlossenheit, und diese hängt nicht davon ab, ob man Laienschüler oder Mönch ist. Glaube nicht, dass das tägliche Tun ein Hindernis ist; es gibt kein Buddha-Dharma außerhalb des täglichen Lebens.

Ein kürzlich verstorbener Minister der Sung-Dynastie, Hyo-Sho-Ko besaß ein tiefes Verständnis vom Buddhismus. Er verfasste dieses Gedicht:

Nur für kurze Zeit den öffentlichen Verpflichtungen entronnen,
sitze ich in Zazen.
Nur manchmal finde ich Zeit zum Schlafen;
Es scheint, dass ich ein Minister des Staates bin,
Man nennt mich jedoch den alten Mönch.

Obwohl er äußerst beschäftigt war, erreichte er durch seine Hingabe zum Buddha-Weg die Erleuchtung. Wir sollten über unser eigenes Leben nachdenken und die Beispiele unserer Vorgänger betrachten.

In der heutigen Zeit, in der Sung-Dynastie in China, üben Kaiser, Minister, Beamte und Laienschüler den Buddha-Weg. Sowohl Soldaten, als auch Zivilisten, beschäftigen sich mit dem Studium und der Übung des Weges. Gewiss werden viele von ihnen ihren Geist erleuchten. Wir sehen nun deutlich, dass die Verpflichtungen in der Gesellschaft und die weltlichen Tätigkeiten keine Hindernisse für das Buddha-Dharma sind. Wenn das Wahre Buddha-Dharma in einem Land verbreitet wird, schützen es die Buddhas und Devas ununterbrochen, und das Land findet Ruhe. Wenn dann Frieden herrscht, vergrößert sich der Einfluss des Buddha-Dharma, und das Land wird harmonisch regiert.

In Shakyamunis Zeit bekehrten sich viele Schurken und Gauner zum Buddha-Weg, und seit dieser Zeit erreichten sogar Jäger und Holzfäller die Erleuchtung unter der Führung der Patriarchen. Es ist unnötig zu sagen, dass jeder diesen Weg gehen kann, wenn er einen echten Meister hat.

F: Ist es sogar in unserer degenerierten Zeit möglich, durch die Übung des Zazen die Erleuchtung zu erreichen?

A: Die buddhistischen Schulen, die sich auf das Wort oder die Schrift gründen, unterscheiden zwischen dem wahren, veräußerlichten und dem verfallenen Endstadium des Buddha-Dharma; die authentische Mahayana-Lehre macht jedoch diese Unterscheidung nicht; sie betont, dass alle Übenden letztlich den Weg erreichen. Darüber hinaus können wir unseren wertvollsten Besitz, die Buddha-Natur, entdecken und den Weg erreichen, wenn wir der wahren Übertragung des Dharma folgen. Wir können ganz klar erkennen, ob wir die Erleuchtung erlangt haben oder nicht, genauso, wie wir bemerken, ob wir heißes oder kaltes Wasser trinken.

F: Manche sagen, dass keine Notwendigkeit besteht, die Sutras zu rezitieren oder körperlich zu üben, wenn wir die Bedeutung von "Unser Geist ist Buddha" vollständig erfassen, da wir durch einfaches Wahrnehmen unserer eigenen angeborenen Buddha-Natur den Buddha-Weg vollständig erreichen. Ist es deshalb wirklich unerlässlich, Zazen zu üben?

A: Eine solche Ansicht ist fragwürdig. Wenn das, was du sagst, stimmt, dann könnte beinahe jeder das Dharma erfassen. Der Weg der Buddhas und Patriarchen ist, zu üben und zu studieren und die Zweiteilung von Ich und Nicht-Ich aufzugeben. Wenn es nur das Wissen wäre, dass "unser Geist Buddha ist", dann hätte Shakyamuni nicht solche Anstrengungen und Unannehmlichkeiten auf sich genommen, um anderen zu helfen, die Erleuchtung zu erreichen. Betrachte folgendes Beispiel:

Ein Tempelvorsteher namens Sokko Gensoku war ein Schüler von Hogen Bun'eki. Eines Tages fragte ihn Hogen: "Wie lange bist du schon hier?" "Drei Jahre", erwiderte Gensoku. "Warum hast du mich niemals nach dem Buddha-Dharma gefragt?" fragte Hogen. Gensoku sagte ihm: "Ich möchte dich nicht belügen. Als ich beim Zen-Meister Seiho übte, erfuhr ich die Erleuchtung des Buddha-Dharma." "Bitte sage mir, wie du diesen Zustand erreicht hast", wollte Hogen wissen. "Ich fragte einst Seiho, was das wahre Selbst eines buddhistischen Schülers sei, und er antwortete: "Der Laternenanzünder fragt nach Feuer." "Das ist eine sehr gute Beschreibung", sagte Hogen, "aber ich fürchte, du hast sie nicht verstanden." Gensoku sagte: "Nun, ich nahm an, dass es bedeutet, mit dem Feuer nach Feuer suchen, sei wie das Selbst, das nach dem Selbst sucht." Hogen sagte: "Ich hatte recht. Du verstehst es nicht. Wenn das, was du sagst, das Buddha-Dharma ist, wäre es niemals bis in die heutige Zeit weitergegeben worden," Bestürzt verließ Gensoku das Kloster. Unterwegs jedoch dachte er an Hogens großes Ansehen und an seine fünfhundert Schüler. Er entschloss sich, zurückzukehren und warf sich vor dem Meister nieder. Dann fragte er: "Was ist das wahre Selbst eines buddhistischen Schülers?" "Der Laternenanzünder fragt nach Feuer", sagte der Meister. Als er dies hörte, war Gensoku erleuchtet.

Wir sehen daher, dass man das Buddha-Dharma nicht durch das alleinige Verständnis, dass unser Geist Buddha ist, erreichen kann. Wenn es so wäre, hätte ihn Hogen niemals gewarnt oder dies gesagt, um Gensoku auf den Weg zu führen. Wenn du einem guten Meister begegnest, befolge die Regeln und weihe dich ganz der Übung des Zazen; klammere dich nicht an ein oberflächliches Verständnis. Dann wird der wunderbare Weg des Buddha-Dharma in Erscheinung treten, und es wird nicht vergebens sein.

F: Wenn wir die alten Chroniken von Indien und China betrachten, lesen wir, dass jemand, als er einen Ziegel, der gegen einen Bambus schlug, hörte, erleuchtet wurde; und dass jemand den Weg erreichte, als er Pfirsichblüten sah. Shakyamuni verwirklichte den Weg, als er den Morgenstern sah, und Ananda erreichte das Dharma, als ihm gesagt wurde, er sollte eine Fahnenstange umlegen.

Seit dem sechsten Patriarchen, bis zu der Bildung der fünf Schulen, sind wahrlich viele durch ein einziges Wort oder einen Satz erleuchtet worden. Ist es ganz sicher, dass alle diese Menschen den Weg des Zazen geübt haben?

A: Du kannst ganz sicher sein, dass sie alle den Weg des Zazen übten, alle möglichen Arten der Unterscheidungen aufgaben und die Dualität hinter sich ließen

F: In Indien und China sind die Menschen meist ehrlich, aufrichtig und gebildet. Deshalb fällt es ihnen leicht, das Buddha-Dharma anzunehmen. Den Japanern hingegen mangelt es an Wohlwollen und Weisheit, so dass der wahre Samen des Dharma schwerlich wächst. Unser Land ist unzivilisiert, das ist sehr betrüblich. Sogar unsere Priester können sich nicht mit den Laien in diesen Ländern vergleichen. Das Volk ist engherzig, gefühllos und strebt nach weltlichem Ruhm und Glück. Wenn solche Menschen Zazen üben, können sie dann wirklich die Erleuchtung des Buddha-Dharma erreichen?

A: Was du gesagt hast, stimmt. Unseren Menschen fehlt es wirklich an Wohlwollen und Weisheit; ihr Geist ist schwerfällig. Auch wenn man ihnen den Nektar des Dharma geben würde, er würde sich gleich in Gift verwandeln. Sie beschäftigen sich zu sehr mit Ruhm und Glück. Trotzdem können auch sie den Weg erreichen. Zur Zeit Buddhas soll es jemanden gegeben haben, der durch die Stufen der Arhatschaft ging, nachdem ihn ein Ball traf; und (eine Kurtisane betrat den Buddha-Weg, nachdem sie mutwillig eine Kesa getragen hatte). Beide waren nicht viel mehr als unverständige Tiere. Aber auch sie wurden durch den wahren Glauben von der Täuschung befreit. Eine alte Frau erreichte die Erleuchtung, als sie einen närrischen, alten Mönch ruhig sitzen sah, während sie ihm eine Mahlzeit reichte. Es hing nicht von weltlicher Klugheit oder von Buchstaben, Worten oder den Sutras ab; es war nur der Besitz einer richtigen geistigen Haltung.

Es dauerte ungefähr zweitausend Jahre, um Buddhas Lehre über die ganze Welt zu verbreiten. Jedes Land hat seine eigenen regionalen und kulturellen Verschiedenheiten; Barmherzigkeit und Einsicht sind nicht notwendigerweise weitverbreitet, und die Menschen sind nicht immer intelligent oder weise. Trotzdem besitzt das Wahre Dharma des Tathagata unfassbare Kraft und ist voller Wert und Tugend. Zur rechten Zeit wird sich das Dharma im ganzen Land verbreiten, ganz gleich, ob die Menschen klug sind oder nicht; wenn sie die richtige geistige Haltung haben, erreichen sie den Weg. Obgleich es unserem Land an Wohlwollen und Weisheit mangelt und die Menschen geringes Verständnis haben, kann man trotzdem das Wahre Dharma hier in Japan erfassen. Jedermann besitzt den Samen des Prajña, auch wenn es die Menschen hier selten offenbaren. Aufs Geratewohl haben wir nun viele Fragen und Antworten untersucht. Möglicherweise haben wir Blumen gesehen, wo keine existieren. Die wahre Übung des Zazen ist bis heute immer noch nicht nach Japan übermittelt worden. Das ist sehr traurig, für alle, die den Wahren Weg finden möchten. Deshalb, um den ernsthaft Suchenden zu helfen, habe ich das, was ich in China gelernt und gehört habe, zusammengetragen und die Lehren meiner erwachten Meister niedergeschrieben. Ich habe noch keine Zeit gefunden, die Übungen, Regeln und Vorschriften der chinesischen Klöster ausführlich zu schildern, aber ich werde dies bei Gelegenheit tun. Japan ist vom Zentrum des Buddhismus weit entfernt, doch seit der Kaiser Kimmei und Yomei ist das Buddha-Gesetz nach Osten gekommen. Jedoch verstrickt sich der Buddhismus hier in Auseinandersetzungen über die Lehre und das Ritual, so dass der Zustand wirklich zerrüttet ist. Du musst in einer Einsiedelei in den Felsen und Bergen leben, mit einer zerfetzten Robe und einer Bettelschale und dich ganz dem Zazen widmen; dann wirst du die unübertroffene Weisheit von Buddha verwirklichen und die grosse Bedeutung von Leben und Tod durchdringen. So lehrt es Rüge Iton, und dies ist das Vermächtnis von Mahakasyapa. Die wahre Methode des Zazen habe ich im Fukanzazengi erläutert, das ich in der vorhergegangenen Karoku-Epoche schrieb. Obwohl es für die Verbreitung des Buddha-Dharma in einem Land besser ist, den Segen des Königs zu haben, sehen wir, wenn wir das Vermächtnis des Geierberges betrachten, dass alle Könige, Fürsten, Minister und Generäle der verschiedenen Länder an der Erhaltung und Verbreitung des Buddha-Dharma teilgenommen haben. Wenn dieser Einfluss da ist, dann ist es ein buddhistisches Land. Daher ist es nicht notwendig, auf eine bestimmte Zeit oder auf einen Ort zu warten, um den Weg der Buddhas und Patriarchen zu verbreiten. Glaube niemals, dass die Verbreitung erst heute beginnt. Demgemäß habe ich diese Abhandlung für alle, die den Wahren Weg suchen, geschrieben.