Podium-Sutra

Dan-gyo - Das Sutra des Sechsten Patriarchen

Die Zen-Lehre des chinesischen Meisters Hui-Neng (638-713)
(Kapitel 20 und 21)

"Verehrte Zuhoerer, meine Lehre der Versenkung beharrt natuerlich weder auf Geist noch auf Reinheit und auch nicht auf Unbewegtheit. Wenn davon die Rede ist, die Aufmerksamkeit auf den Geist zu richten (so ist dazu zu sagen): Geist ist seiner Natur nach unfassbar. Hat man erkannt, dass Geist wie ein Phantom ist, gibt es nichts, worauf man seine Aufmerksamkeit richten koennte.

Wenn davon die Rede ist, die Aufmerksamkeit auf die Reinheit zu richten: Das Wesen der Menschen ist urspruenglich rein. Nur aufgrund von falschen Vorstellungen wird die wahre Soheit verdeckt. Kommen von Anfang an keine falschen Vorstellungen auf, so ist das Wesen an sich Reinheit. Verblendung existiert nirgends, aber Anhaften an sich ist Verblendung. Reinheit besitzt weder Form noch Erscheinung, dennoch hegen (manche Menschen) den Gedanken der Form von Reinheit und bezeichnen (das sich Anpassen daran) als Uebung. Das urspruengliche Wesen (sein Wirken) der Menschen mit solch einer Anschauung ist gehemmt, und sie werden darueber hinaus von (der Idee der) Reinheit gefesselt.

Verehrte Zuhoerer, wenn man sich in (wahrer) Unbewegtheit uebt, so bedeutet das, bei allen Menschen nicht die Uebel von Richtig und Falsch, Gut und Boese zu sehen (nicht Bestimmen und Einordnen in Kategorien von Gut und Boese). Nur das ist die Unbewegtheit des eigenen Wesens.

Verehrte Zuhoerer, Verblendete moegen zwar mit bewegungslosem Koerper sitzen, aber wenn sie den Mund aufmachen, reden sie nur ueber richtig und falsch von anderen, ueber Staerken und Schwaechen, Vorlieben und Abneigungen. Dies ist ein Abweichen vom Weg. Wenn man am Geist oder der Reinheit haftet, wird das im Gegenteil zum Hindernis auf dem Weg."

Der Meister sprach: "Verehrte Zuhoerer, was ist das, was man Sitzen in Versenkung nennt? In meiner Lehre bedeutet es Freiheit von Hindernissen und Hemmnissen. Wenn sich nach außen hin in allen guten und schlechten Umstaenden kein Gedanke im Geist erhebt (keine Wertung der Umstaende entsteht), ist das Sitzen. Wenn im Innern das urspruengliche Wesen, die Unbewegtheit des eigenen Geistes, gruendlich erkannt wird, ist das Versenkung.

Verehrte Zuhoerer, was ist das was meditative Versenkung genannt wird? Nach außen hin von Formen losgeloest sein wird Meditation genannt; im Innern ohne Verwirrung sein wird Versenkung genannt. Nach außen hin von Formen eingenommen zu werden bedeutet Verwirrung des Geistes im Innern. Nach außen hin losgeloest sein von Formen bedeutet das Unverwirrtsein des Geistes. Das urspruengliche Wesen ist an sich Reinheit und Ruhe. Nur das Sehen und Abwaegen der Umstaende verwirrt den Geist. Wenn der Geist in allen mannigfaltigen Umstaenden nicht verwirrt ist, ist das wirkliche Versenkung.

Verehrte Zuhoerer, nach außen hin losgeloest sein von Form ist Meditation. Im Innern unverwirrt sein ist Versenkung. Nach außen hin Meditation und im Innern Versenkung — das wird meditative Versenkung genannt. Im Vimalakirtinirdesha-Sutra steht: Der urspruengliche Geist wird auf einmal und allumfassend wiedererlangt, und im Bodhisattva-charya-nirdesha-Sutra heißt es: Unser urspruengliches Wesen an sich ist Reinheit.

Verehrte Zuhoerer, erkennt selbst in jedem Gedanken die Reinheit des urspruenglichen Wesens, uebt euch selbst, und verwirklicht den Buddha-Weg selbst.